Ameisenbär – immer die Nase vorn

Großer Ameisenbär im Regenwald Großer Ameisenbär im brasilianischen Regenwald (Bild: Cloudtail the Snow Leopard/CC BY-NC-ND 2.0 )

Kopf und Schnauze sehen aus wie eine lange Röhre, die klebrige Zunge wirkt wie ein Fliegenfänger. Das Gehirn ist winzig, der buschige Schwanz umso geräumiger. Der Große Ameisenbär gehört zu den kuriosesten Zeitgenossen im Tierreich. Und obwohl er einigermaßen begriffstutzig ist, hat er 57 Millionen Jahre bis heute durchgehalten...
Respekt! Das findet auch Lydia Möcklinghaus, die weltweit einzige Ameisenbären-Forscherein.

Ein Bär in der Verwandtschaft?

Keineswegs. Das hatte man früher angenommen wegen der bärenartigen Hintertatzen und weil sich die Tiere beim Angriff aufrichten wie ein Bär.
Ameisenbären sind erstaunlicherweise mit ganz anderen Gesellen verwandt: mit Faultieren und Gürteltieren. Alle 3 Arten gehören nämlich zu den sogenannten Nebengelenktieren. Das heißt: Sie haben ein zusätzliches Gelenk in der Wirbelsäule.
Der Vorteil für Gürteltiere: Sie können sich bei Gefahr zusammenklappen.
Für Faultiere: Sie können sich rücklings vom Baum fallen lassen.
Für Ameisenbären: Sie können sich bequem auf die Hinterbeine stellen.

Der engste Familienkreis

ist nicht weniger bemerkenswert: Der Große Ameisenbär, der bis zu 2 Meter lang und 45 Kilo schwer wird, ist 10mal so groß wie der Winzling der Familie:
Der Zwergameisenbär wird nur 20 cm lang, wiegt 250 Gramm und lebt in den Bäumen. Im Schutz der Baumwipfel geht er nachts auf die Jagd nach Ameisen.
Dazwischen gibt es den Kleineren Ameisenbär oder Tamandua, der mit einem Meter nur halb so lang wird wie der große Bruder und gerade mal 4,5 Kilo wiegt. Der Tamandua ist sowohl auf Bäumen als auch am Boden unterwegs.
Alle Ameisenbären sind in Mittel- und Südamerika und in Süd-Mexiko zu Hause – und dort in den Regenwäldern, Savannen und Feuchtgebieten.

 

 

„Nicht die hellste Kerze auf der Torte“...

das sagt Lydia Möcklinghoff über ihr Lieblings-Forschungssubjekt. Und das meint sie durchaus liebevoll. Ameisenbären haben nur ein sehr kleines Gehirn, etwa so groß wie eine Walnuss – mehr passt einfach nicht in den kleinen Kopf. „Daraus folgt eine sehr geringe Gehirnleistung“, so die Biologin in der WDR-Sendung Planet Wissen. „Der Ameisenbär kann sich deshalb immer nur auf eine Sache konzentrieren. Wenn ich ihm im Feld begegne, und er gerade nach Nahrung sucht, passiert es häufig, dass ich sehr nah an ihn rankomme. Der Ameisenbär bekommt dann gar nicht mit, dass ich da bin.“

.... aber eine Supernase im Untergrund!

Riechen ist seine Stärke – das kann der Ameisenbär sogar 40 mal besser als ein Mensch. So spürt er mühelos Ameisen im Boden auf, den er mit seinem langen scharfen sichelartigen Krallen erstmal aufgräbt.

Großer AmeisenbärAmeisen aufgespürt – jetzt wird die Zunge tief in den Boden versenkt, an der die Insekten klebenbleiben (Bild: Borsi112/CC BY-SA 3.0)

Und dann kommt die unglaubliche Zunge ins Spiel:

Sie ist 60 Zentimeter lang und klebrig wie eine Fliegenfalle. Ein genialer Trick der Natur: Wenn der Ameisenbär die Erde aufgegraben hat, seilt er aus der zahnlosen Schnauze die Zunge ab – und die Ameisen bleiben kleben. Bis zu 160 mal pro Minute kann sich dieses Spiel wiederholen. „An einem Tag kommen da gut 35.000 Ameisen zusammen“, sagt Lydia Möcklinghoff. „Das klingt viel, sind aber gerade mal 180 Gramm. So viel wiegen 2 Tafeln Schokolade. Kein Wunder, dass der Ameisenbär immer auf Futtersuche ist.“ Denn er frisst außer Ameisen nur noch Termiten, die er auf dieselbe Weise aus ihren Hügeln angelt.
Kein Wunder also, dass Ameisenbären auf Sparflamme leben und bis zu 15 Stunden pro Tag schlafen. Zugedeckt mit dem langen buschig-borstigen Schwanz.

Großer Ameisenbär unter seiner SchwanzdeckeUnter der Schwanz-Decke lässt es sich super schlafen (Bild: Mateus Hidalgo/CC BY-SA 2.5 br)

Unterhaltung über die Bäume

Ameisenbären sind Einzelgänger, wollen und müssen sich aber irgendwie verständigen. Das tun sie mit Duftmarken und Kratzspuren an Bäumen. Das hat Lydia Möcklinghoff herausgefunden. „Ich weiß noch nicht genau, was sie mit ihrem Duft sagen wollen, wahrscheinlich suchen sie einen Partner oder machen Rangordnungen untereinander aus und markieren ihr Revier.“

Babys reiten Ton in Ton auf der Mutter

Eine Ameisenbärin bekommt meistens nur jeweils ein Junges, das sie etwa 9 Monate auf dem Rücken trägt. Das Baby hat dieselbe Fellzeichnung wie die Mutter zwischen den Schultern, deshalb ist es dort gut getarnt. Zum Trinken steigt das Junge ab, die Mutter legt sich auf die Seite und deckt das Kleine mit dem Schwanz zu.
Jeder Ameisenbär hat übrigens seine eigene ganz spezielle Fellmusterung, an der man ihn erkennen kann.

Die Dschungel-Dinos sind in Gefahr

Der große Ameisenbär kommt aus der Zeit der Dinosaurier – und in den Jahrmillionen hat seine Art alle Gefahren überlebt. Auch seine natürlichen Feinde im Tierreich, Puma und Jaguar zum Beispiel. Sollte er mitkriegen, dass sie sich anschleichen, stellt er sich ihnen aufrecht entgegen und verteidigt sich mit seinen Krallen.
Doch jetzt steht der Große Ameisenbär auf der Roten Liste als bedroht.
Und zwar durch die Menschen, die ihm den Lebensraum nehmen. In Südamerika, vor allem in Brasilien, breiten sich Sojaplantagen und Rinderweiden immer weiter aus – und in diesem Jahr brannten die Amazonaswälder wie lange nicht mehr. Vor Kettensägen und Feuern fliehen die Tiere auf die Straße, wo sie häufig überfahren werden, weil sie die Autos nicht schnell genug bemerken.
Lydia Möcklinghoff: „Wenn nicht bald Schutzkonzepte entwickelt werden, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser charismatische Zausel von der Bildfläche verschwindet.“
Doch Schutzpläne lassen sich nur machen, wenn man eine Art ausreichend erforscht. Auch deshalb widmet die Biologin ihre Zeit und Arbeit dem Großen Ameisenbären.

Quellen: WDR/Planet Wissen | Lydias Website

21. November 2019
1 Bewertungen

Diesen Artikel kommentieren

Wenn Du Fragen zu diesem Artikel hast, schreib uns an info@abenteuer-regenwald.de.

Formular wird geladen

Steckbrief

Art
Großer Ameisenbär
Lebensraum
Mittel- und Südamerika und Süd-Mexiko
Länge
Bis 2 Meter (inkl. Schwanz)
Gewicht
45 kg
Lebenserwartung
im Zoo bis 25 Jahre, in der Wildnis nicht bekannt
Nahrung
Ameisen und Termiten
Nachwuchs
Jeweils 1 Junges, kommt nach 5 Monaten Tragzeit im Juni (trop. Winter) zu Welt, Mutter trägt es 9 Monate auf dem Rücken

Lexikon

Alle Tiersteckbriefe im Regenwald von A–Z

Jetzt lesen