Kolibris – glänzende Luftakrobaten

Ein Kolibri beim picken einer Blüte „Picaflor“ heißt der Kolibri auf Spanisch: „Blütenpicker“ – ein perfekter Name. © flickr/nix6658 (CC BY-NC-ND 2.0)

Niemand außer ihnen kann auf der Stelle und sogar rückwärts fliegen, kein Vogel ist kleiner und leichter, kein Herz schlägt höher, kein Wirbeltier saust schneller (bezogen auf seine Körpergröße): Kolibris sind die absoluten Überflieger – und so erfinderisch, dass sie sich in Jahrmillionen ganz Amerika erobert haben. Zwischen Süd-Alaska und Feuerland schwirren diese schillernden Vögel durch die Blütenmeere; die meisten der rund 340 Kolibri-Arten lieben es allerdings tropisch.

Steckbrief

Lebensraum:
Nord- und Südamerika
Größe:
6 bis 25 cm (je nach Art)
Gewicht:
2 bis 20 Gramm
Nahrung:
Nektar und Insekten
Anzahl Junge:
2 bis 3 Gelege pro Jahr, jeweils 2 Eier. Das Weibchen füttert die Jungen bis zu 140 mal am Tag
Brutzeit:
14 bis 19 Tage, flügge nach 3 bis 4 Wochen

Weltrekord im Kleinsein

Der Name sagt alles: Bienenelfe (siehe Bildergalerie weiter unten) heißt das größte Leichtgewicht der gesamten Vogelwelt: Dieser winzige Kolibri wiegt nur zwei Gramm, ist mit 6 Zentimetern etwa so kurz wie unser kleiner Finger und legt erbsengroße Eier. Die kleinsten Vögel der Erde sind auf der Karibik-Insel Kuba zu Hause.
Der Name Riesenkolibri, der in Peru und Chile die Anden bewohnt, täuscht Größe vor: Er ist zwar der Gigant in der Familie, aber trotzdem nur 25 Zentimeter lang und gerade mal so schwer wie ein Standardbrief: 20 Gramm.

Unsichtbarer Flügelschlag

40 bis 80 Flügelschläge pro Sekunde – auch das ist Vogel-Weltrekord; und die Schnellsten sind die kleinen Kolibris. Enträtseln können wir diese Höchstleistung nur mit einer Kamera: Die Flügel rotieren im Schultergelenk und bleiben beim Auf- und Abwärtsschwingen starr gespreizt (andere Vögel falten die Flügel in der Aufwärtsbewegung zusammen). Durch ihren einzigartigen Flugstil können die Kolibris nicht nur präzise auf der Stelle verharren, um in Ruhe Nektar aus der Blüte zu saugen. Sie gehen auch in Seiten- oder Rückenlage, wenn es der Blütenstand so will. Und ohne Rückwärtsgang könnte so mancher Kolibri seinen Schnabel niemals aus der Blüte ziehen.

Schnabel und Blüte – das perfekte Paar

Weit mehr als die Hälfte aller Pflanzen in Amerika profitieren von den Kolibris: Die Vögel bestäuben die Blüten und werden mit Nektar belohnt. Diese Lebensgemeinschaft, die man auch Symbiose nennt, hat sich im Laufe von vielen Millionen Jahren immer mehr verfeinert:
So hat sich der Schwertschnabel-Kolibri (siehe Bildergalerie weiter unten) in seiner Anden-Heimat gleich zwei Pflanzen exklusiv erobert: Sein Schnabel ist mit zehn Zentimetern fast so lang wie sein Körper (noch ein Rekord), und damit kann er problemlos den Nektar aus dem 20 Zentimeter langen Kelch der Engelstrompete und den röhrenförmigen Blüten der Passionsblume saugen.
Der Adlerschnabel-Kolibri muss den Saft der Helikonie mit niemandem teilen: Nur sein gekrümmter Schnabel passt perfekt in die gebogene Blüte.
Egal wie lang und geformt ihr Schnabel: Kolibris besitzen eine lange, an der Spitze gespaltene Zunge, mit der sie den Nektar wie mit einem Strohhalm aufsaugen.

 

Geschwindigkeits-Rausch

Kolibris sind nicht nur die wendigsten, sondern auch die schnellsten Wirbeltiere der Welt – bezogen auf die Körpergröße: So sollen die nur zehn Zentimeter kleinen Annakolibris bei ihrem Balz-Sturzflug 98 km/h hinlegen, das sind 385 Körperlängen pro Sekunde. Ein Wanderfalke schafft nur 200 Körperlängen.

Nektar als Treibstoff

Das Leben in Hochgeschwindigkeit kostet viel Kraft und Energie. Deshalb brauchen Kolibris mehr Sauerstoff als jedes andere Wirbeltier: 400 mal pro Minute schlägt ihr Herz – wenn sie sitzen. Beim Flug kommt es auf 1.200 mal, das sind 20 Herzschläge pro Sekunde! Um bei dem ganzen Kraftakt nicht zu verhungern, müssen Kolibris alle 15 Minuten Nektar trinken – pro Tag wesentlich mehr, als sie selbst wiegen. Für Muskelaufbau und Federbildung brauchen sie zusätzlich Eiweiß, deshalb picken sie die Inseken von den Blüten.
Um Energie zu sparen, merken sich Kolibris jeden Kelch, den sie schon geleert haben – eine reife Leistung für ein so winziges Gehirn.

Schlafen und Brüten auf Sparflamme

Weil sie nachts nicht fressen und bei Kälte fallen Kolibris in eine Art Winterschlaf: Das Herz schlägt nur noch 40 statt 400 mal pro Minute, so verbrauchen sie nur ein Hundertstel der Energie. Morgens wärmen sie sich eine halbe Stunde lang durch Zittern auf.

Farbenspiele

So tricksen die Pflanzen:
Blüten in Rot und Orange – darauf fliegt jeder Kolibri. So locken die Pflanzen ihre Bestäuber an und gewähren den kleinen Vögeln einen Vorteil gegenüber Bienen, die Rottöne als Grau oder Schwarz wahrnehmen.
So täuschen die Vögel:
Metallisch schillernde Farben sind das Markenzeichen der Kolibris. Sie entstehen durch Lufteinschlüsse in den Federn, die das Sonnenlicht brechen und reflektieren. Wie sehr und ob das Gefieder schimmert, hängt vom Einfallswinkel der Sonnenstrahlen ab – und den können die Kolibris durch ihre Bewegungen schlau beeinflussen: um vor Weibchen zu glänzen oder Fressfeinde zu warnen – oder um sich unsichtbar zu machen vor Räubern wie Schlangen, Greifvögel und Katzen.

Datum: 07.07.2014