Fleischfressende Pflanzen – wenn Grünzeug auf die Jagd geht

Kannenpflanze im Regenwald Gleich schnappen die Blätter der Venusfliegenfalle zu – das Insekt hat keine Chance

Sie heißen harmlos Sonnentau, Kannen- oder Schlauchpflanze – doch wenn sie zuschlagen, bleibt kein Fliegenbein übrig. Einzig die Venusfliegenfalle, eine Sonnentau-Art, lässt erraten, womit sich dieses Gewächs beschäftigt. „Manchmal glaube ich, der Sonnentau ist ein getarntes Tier“, bemerkte einst Charles Darwin. Mit großer Leidenschaft studierte der berühmte Naturforscher vor 150 Jahren das bis dahin unvorstellbare Phänomen: Dass Pflanzen Tiere töten und verspeisen. Wenn es sein muss, sogar eine Ratte…

In der Not frisst die Pflanze Fliegen

Es gibt viel mehr fleischfressende Pflanzen, als man bisher glaubte – mehr als 1000 Arten sind heute bekannt – und es werden immer neue entdeckt.

Sie wachsen auf allen Kontinenten außer der Antarktis. Und weil sie die Kunst entwickelt haben, nahrhafte Insekten zu erbeuten, haben sie einen deutlichen Vorteil gegenüber den meisten anderen Pflanzen: Sie können auch auf nährstoffarmen Böden überleben. Zum Beispiel in Sümpfen, Mooren, tropischen Bergwäldern, auf Felsen oder Sand – Hauptsache, es gibt dort genügend Licht und Wasser. Und Getier…

Verführen und töten – mit voller Absicht

Fleischfresssende Pflanzen beherrschen die unglaublichsten Tricks, um an ihr Ziel zu kommen. Selbst bei bekannten Arten entdecken Forscher noch unbekannte Methoden. Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten, Beute zu machen:

Die Klebefalle

Mit diesem ziemlich fiesen Trick arbeiten die Familienmitglieder des Sonnentaus. Er funktioniert wie ein Fliegenfänger: Die Blätter des Sonnentaus sind mit Fangarmen, sogenannten Tentakeln bewaffnet, an deren Spitze klebrige Tröpfchen aus einem Sekret glitzern. Es lockt Insekten an und hält sie gefangen. Innerhalb einer Stunde umschlingen die Tentakel die Beute, dann rollt sich das Blatt um das Tier zusammen, und die Verdauungssäfte beginnen ihr zersetzendes Werk.

Der Naturforscher Charles Darwin wollte wissen, ob sich der Sonnentau jeden Stoff einverleibt, oder nur brauchbare Nahrung. Er machte den Test mit Milch, Fleisch, Urin, Papier und einem Stein. Das Ergebnis: Nur bei den ersten drei rollten sich die Fangarme ein. Der Sonnentau reagierte damit auf alles, was nahrhaften Stickstoff enthält. Denn in den Sumpfgebieten, in denen er lebt, gibt es wenig Mineralien. Der Sonnentau weiß also ganz genau, wen er tötet.


Die Klappfalle

ist die Spezialität der Venusfliegenfalle, die zum Sonnentau gehört. Doch statt das Blatt zusammenzurollen, schnappen zwei offenstehende Blatthälften im Bruchteil einer Sekunde zu. Ihren Namen verdankt diese Pflanze ihrer Ähnlichkeit mit einer Venusmuschel.

Auslöser zum Zuschnappen sind zarte Fühlborsten im Innern der Blätter – sie regieren auf Berührung. Damit die Falle aber nicht bei jedem Regentropfen oder Windhauch zuklappt – das kostet viel Energie – hat die Pflanze eine geniale Technik entwickelt: Werden verschiedene Borsten innerhalb von 20 Sekunden zweimal berührt, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein Insekt – und dann gibt es kein Entrinnen.

Die Fallgrube

Kannen- und Schlauchpflanzen gehören zu den raffiniertesten Fallenstellern. Sie arbeiten mit Gleitfallen und locken ihre Beute mit den schönsten Formen und Farben.

Kannenpflanzen gedeihen mit rund 130 Arten in den Regenwäldern Südostasiens. Ihre Blätter hängen an langen Ranken von den Ästen der Bäume und formen sich zu einem Krug mit bauchigem Hohlraum. Und der hat’s in sich: seifenglatte Innenwände und ein Gebräu, das ein Tier töten und verdauen kann. Angelockt wird die Beute durch verführerischen Nektarduft, der dem Kannenbauch entströmt. Folgt ihm ein Insekt, gibt es an den glatten Innenwänden kein Halten mehr.

Einer einzigen Ameisenart auf der indonesischen Insel Borneo aber kann der tödliche Saft nichts anhaben – sie kann sogar drin schwimmen und problemlos über die glitschigen Wände der Kanne laufen und sich von der Fliegen-Beute ernähren. Allerdings nicht umsonst: Als Gegenleistung säubert sie den Rand der Kanne, damit er schön rutschig bleibt.

Und dann und wann ein Hörnchen…

In einem kleinen Gebiet auf Borneo wächst die größte aller Kannenpflanzen, „Nepenthes Rajah“ lautet ihr botanischer Name. Bis zu 80 Zentimeter lang ist ihre Kanne. Erst vor kurzem entdeckten Forscher, dass ihr süßer Nektar nicht nur Insekten anlockt, sondern auch Säugetiere. Ein Hochlandspitzhörnchen wurde beobachtet, wie es auf dem Kannenrand balancierte und den Nektar vom hochgeklappten Deckel der Kanne leckte. Das Hörnchen wurde nicht zur Beute, die Pflanze bekam aber trotzdem was zu Fressen: den nahrhaften Kot des Besuchers.

Auch Wollfledermäuse und kleine Ratten besuchen die größeren Kannenpflanzen, um den Nektar zu genießen. Sollte eines der Tierchen doch mal abrutschen, hat die fleischfressende Pflanze für lange Zeit ausgesorgt. Das soll aber nicht sehr oft vorkommen – zum Glück für die Nager.

Datum: 23.3.2015
Mit Informationen aus einer Dokumentation bei Arte TV



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