Lemuren – Die guten Geister von Madagaskar

Kattas Kattas sind die bekanntesten Lemuren (Bild: Konrad Wothe)

Ein Film hat ihnen Weltruhm gebracht: Madagascar. Seitdem weiß fast jedes Kind, was Lemuren sind. Diese sogenannten Feuchtnasenaffen gehören zu den Primaten. Lemuren leben nur auf Madagaskar, der viertgrößten Insel der Welt, die im Osten von Afrika liegt. Aber warum gibt es Lemuren nur dort? Und wie gelangten sie dorthin, wenn sie doch nicht schwimmen können? Und was bedeutet der Name Lemur?

Wie die Lemuren nach Madagaskar kamen ...

Vor rund 160 Millionen Jahren brach Madagaskar vom afrikanischen Kontinent ab. Es war die Zeit der Dinosaurier. Größere Säugetiere wie Affen, Elefanten oder Raubtiere entwickelten sich erst Millionen Jahre später. Und so gab es auch die Lemuren noch nicht, als Madagaskar zur Insel wurde.

Sie müssen den Seeweg genommen haben, sagen Forscher. Auf Flößen aus Treibholz und bewachsenen Erdschollen haben die Lemuren den 400 Kilometer breiten Ozean zwischen Afrika und Madagaskar zurückgelegt. Die ersten kamen vor ungefähr 60 Millionen Jahren.

SeenlandschaftSeenlandschaft Madagaskars (Bild: Cordula Kropke)

... und warum es sie nur dort gibt:

Auf Madagaskar fanden die Vorfahren der heutigen Lemuren vielfältige Lebensbedingungen: immergrüne Regenwälder, Trockenwälder, Hochplateaus und Berge, Flüsse, Wiesen und Halbwüsten. Natürliche Feinde hatten die Lemuren nicht, denn es gab keine größeren Raubtiere. Und so konnten sie sich in Millionen von Jahren in Ruhe verbreiten und weiterentwickeln. In Afrika und in der restlichen Welt jedoch gab es Feinde und Konkurrenten, und so wurden die Lemuren im Laufe der Evolutionsgeschichte von den höher entwickelten Affenarten und den Menschenaffen verdrängt.

 

Familienähnlichkeit? Es lebe der Unterschied!

Weil Madagaskars Natur so reichhaltig war, haben sich die Lemuren-Familien weit verzweigt – zu immer mehr Arten, die sich den jeweiligen Lebensräumen angepasst haben.
Und so besiedeln Lemuren fast alle Insel-Regionen, vom Regenwald bis zur Halbwüste. Heute zählen die Forscher rund 100 Arten, und die unterscheiden sich zum Teil so erstaunlich, dass man sich fragt: Wie kann ein 9 cm kleiner, federleichter Mausmaki mit einem zehnmal so großen Indri verwandt sein?

 

 

Ihren Namen erfand ein Schwede

Den wissenschaftlichen Namen Lemur hat ihnen der schwedische Naturforscher Carl von Linné verpasst. Er begegnete den Tieren 1758 und sah in ihnen Ähnlichkeiten mit römischen Totengeistern, lateinisch Lemur. Die großen Augen, die lauten Schreie und die nächtliche Lebensweise sollen ebenfalls zur Namensgebung beigetragen haben. Allerdings gehen nicht alle Lemurenarten nachts auf Nahrungssuche. Vor allem die Großen wie Indri, Katta, Sifaka und Vari streifen tagsüber durch die Bäume – und lieben die Sonne!

Die Frauen haben das Sagen

Die meisten Lemurenarten leben in Gruppen. Je nach Art mal als Familie, mal mit 24 Artgenossen. In den größeren Gruppen haben die Weibchen das Sagen: Sie entscheiden, wo das Futter gesucht wird – und bekommen die besten Stücke.
Die Verteidigung der Reviere ist mal Frauen-, mal Männersache. Sollte ihnen eine andere Gruppe ins Gehege kommen, werden die Gegner erstmal drohend angestarrt, dann angesprungen, geschlagen und gebissen.

Baumbewohner – aber nicht immer

Lemuren leben hauptsächlich auf Bäumen, wo sie kletternd oder springend auf Nahrungssuche gehen, nur gelegentlich kommen sie auf den Boden. Den Katta allerdings sieht man dort häufiger – um mit ausgestreckten Armen aufrecht sitzend ein Sonnenbad zu nehmen...

Lemuren fressen am liebsten Früchte, doch auch Blätter und Knospen und sogar Nektar werden gern genommen – je nach Angebot. Manche Lemuren mögen auch tierisches Eiweiß und erbeuten Insekten und Spinnen.

LarvensifakasLarvensifakas (Bild: Konrad Wothe)

 

Miauen, schreien, stinken – alles klar?

Wenn ein hoher Schrei durch den Regenwald geht, droht Gefahr. Dann kreist entweder ein Greifvogel über den Baumkronen, oder eine Fossa schleicht sich an, das größte Raubtier Madagaskars. Mit ganz bestimmten Schreien warnen Lemuren ihre Gruppe vor Feinden. Mit anderen Lauten wie Miauen, Stöhnen oder Heulen nehmen sie Kontakt auf, rufen zur morgendlichen Futtersuche oder verteidigen ihr Revier.
Auch Gerüche dienen der Verständigung – als Feuchtnasenaffen können Lemuren sehr gut riechen. Duftstoffe liefern zum Beispiel Drüsen am After, an Brust und Armbeugen. Duft ist hier aber wohl nicht das richtige Wort, denn es muss schon richtig stinken, wenn man Rivalen vertreiben oder sein Revier verteidigen will...

Die große Gefahr für die Lemuren

kommt von den Menschen. Fast alle Arten sind stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht, weil die Abholzung der Regen- und Trockenwälder ihnen die Lebensräume nimmt.

Die Madagassen glauben, dass in den Lemuren die Geister ihrer Ahnen weiterleben. Das hat vor allem Indris und Kattas lange Zeit vor der Jagd bewahrt. Doch inzwischen sind sie auch vor Jägern nicht mehr sicher. Auf Madagaskar sind die meisten Menschen sehr arm.
Im Tierreich droht den Lemuren vor allem durch die Fossa, Madagaskars größte Raubkatze, Greifvögel und Wildhunde Gefahr.

Und jetzt ein paar Lemuren-Porträts:

 

Katta: der Berühmte

KattasKattas (Bild: Konrad Wothe)

Es ist der lange schwarzweiße Ringelschwanz, der den Katta unverwechselbar macht – berühmt geworden ist er als King Julien in „Madagascar“.

Kattas sind mittelgroße Lemuren (etwa 45 cm) mit XXL-Schwanz (bis 60 cm). Sie bewohnen vor allem die trockenen Wälder, aber auch das Buschland der Savannen und felsiges Bergland.
Nachts schlafen Kattas auf Bäumen, tagsüber gehen sie in großen Gruppen auf Nahrungssuche, aber selten ohne ein morgendliches Sonnenbad. Das nehmen sie am Boden ein, aufrecht sitzend mit ausgebreiteten Beinen und Armen. Kattas verbringen von allen Lemuren die meiste Zeit am Boden. Und manchmal sind sie auch nachts unterwegs. Der Nachwuchs (meist ein Junges) kommt, wie bei den meisten Lemuren, zum Ende der Trockenzeit auf die Welt, zwischen September und Dezember. Dann ist das Nahrungsangebot am größten.

 

Indri: der Sänger

IndriIndri (Bild: Konrad Wothe)

Wer morgens durch die Regenwälder im Osten Madagaskars streift, kann die Indris hören, bevor er sie sieht: Mit hohem Gesang, zweistimmig vorgetragen, begrüßt ein Indri-Paar den Tag. Sie leben als Kleinfamilie auf Bäumen, klettern und springen aufrecht von Ast zu Ast, um nahrhafte Blätter zu erobern, manchmal auch Früchte und Blüten. Auch Indris, mit bis zu 90 cm die größten Lemuren (allerdings mit Stummelschwanz), lieben das Sonnenbad. Allerdings eher ausgestreckt in den Astgabeln, denn auf den Boden springen sie seltener.

Alle zwei bis drei Jahre bringt das Weibchen ein Junges zur Welt, das mehrere Jahre mit seiner Familie verbringt.

Gesang der Indris:

 

Sifaka: die Tänzer

 

Sie sind die farbigsten Lemuren, tragen oft langes, seidiges Fell. Schon ihre Artennamen schillern: Seidensifaka, Goldkronensifaka, Diademsifaka...

Und was macht ein Sifaka mit seinen extrem langen Beinen, großen Füßen und kurzen Armen, wenn er auf dem Waldboden vorwärtskommen will? Er tanzt! Aufrecht und seitwärts, mit großem Vergnügen, wie es scheint. Und wenn der Sifaka, der ja meist auf den Bäumen lebt, die Bäume wechseln will, springt, oder besser, fliegt er von Stamm zu Stamm, mit den Füßen voran. Da muss sich der Nachwuchs fest ins Fell der Mutter krallen.
Sifakas bewohnen die Regenwälder im Osten und die Trockenwälder im Westen der Insel, je nach Art.
 

Mausmaki: der Kleinste

MausmakiMausmaki (Bild: Konrad Wothe)

Sie sehen tatsächlich aus wie Mini-Geister – mit großen Augen gehen sie nachts auf Nahrungssuche. Mausmakis fressen vor allem Früchte, Blüten, Nektar und Blätter. Erbeuten aber auch Insekten und Spinnen. Sie sind die kleinsten Lemuren, und zu ihrer Verwandtschaft gehört sogar der kleinste Primat überhaupt: Der Berthe-Mausmaki ist nur 9 cm groß, wobei der Schwanz seinen Körper mit 14 cm deutlich übertrifft.

Den Tag verschlafen weibliche Mausmakis gemeinsam in Nestern aus Blättern, die sie an Lianen befestigen. Die Männchen sind eher Einzelgänger.
Mausmakis können gut mit Kälte, Trockenheit und zu wenig Nahrung umgehen: Dann fallen sie in einen kurzen oder auch längeren Schlaf (bis zu zwei Wochen) und schalten ihren Energieverbrauch auf Sparflamme.

Quellen: Deutsches Primatenzentrum, www.biologie-seite.de, Spektrum der Wissenschaft

8. April 2019
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