7. Juli 2015

Blattschneiderameisen – Die wahren Herrscher des Regenwaldes

Wie ein Segel trägt die Ameise das Blatt zum Nest. Sie stemmt Lasten, die zehnmal schwererer sind als sie selbst

Wie schaffen es Winzlinge, Großes zu bewegen? Nur in der Gruppe. Blattschneiderameisen sind füreinander da, und jede kennt ihre Aufgabe genau. Millionen Schwestern arbeiten so perfekt zusammen, dass sie wie ein einziges Lebewesen funktionieren. 40 Arten bewohnen tropische und subtropische Wälder und Steppen in Mittel- und Südamerika

Das Königreich wird gegründet

Im Reich der Bienen, Wespen, Hummeln oder Ameisen lässt die Königin ein Heer von Untertanen für sich arbeiten – und alle sind ihre Töchter. Sie selbst hat nur eine einzige Aufgabe: Sie sorgt für Nachwuchs.
Alles beginnt mit dem Hochzeitsflug: Die junge Königin schwärmt aus ihrer Kinderstube aus, um sich mit einer männlichen Ameise zu paaren. Die Männchen sterben danach. Die Samen bewahrt die Königin in einer speziellen Tasche auf – es sind genug für ihr ganzes Leben: Innerhalb von 12–15 Jahren legt sie bis zu 150 Millionen Eier.
Nach der Paarung verliert die Königin ihre Flügel, sucht sich einen Platz fürs Nest und gräbt im feuchten Urwaldboden einen Gang, den sie zu einer tennisballgroßen Kammer erweitert.
Aus ihrer Heimatkolonie hat sie ein paar Pilzfäden mitgenommen, mit denen sie nun den ersten Pilzgarten anlegt.

Der unterirdische Palast

Ein Hofstaat mit Millionen Angehörigen braucht Platz. Mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen graben die kleinen Bauarbeiterinnen Gänge in den Urwaldboden – rund fünf Meter tief. Dort gibt es Wohnkammern für den Nachwuchs, Abfallkammern für tote Ameisen, Blätterreste und abgestorbenes Pilzgeflecht und – das Allerwichtigste: die Pilzgärten. Sie ernähren die gesamte Kolonie, und dort thront auch die Königin, die so groß werden kann wie eine Hummel.

Eine riesige unterirdische Stadt von ausgeklügelter Architektur entdeckten Forscher in Brasilien: In acht Metern Tiefe hatten Blattschneiderameisen einen 50 Quadratmeter große Höhle gegraben mit mehr als eintausend Kammern, von denen 390 mit Pilzgärten gefüllt waren. Dafür haben die Ameisen 40.000 Kilo Erde umgeschichtet. Die Forscher verglichen diese Mammut-Leistung mit dem Bau der Chinesischen Mauer.

Die erfahrensten Pilzzüchter der Welt

Blattameisen züchten Pilze, um sich von ihnen zu ernähren – und das bereits seit 50 Millionen Jahren, wie Funde von Versteinerungen zeigen.
Damit die Pilze im Untergrund wachsen und gedeihen, füttern die Ameisen sie mit Blättern. Warum tun sie das? Anstatt die Blätter mühsam in das unterirdische Labyrinth zu schleppen, könnten sie die Blätter doch viel bequemer direkt von den Büschen und Bäumen fressen.

Die Antwort ist einfach: Die Ameisen können die Faserstoffe in den Pflanzen nicht verdauen. Die Pilze aber können das. Und deshalb bekommen sie die Blätter zu fressen und dienen den Ameisen dafür als Nahrung. Deshalb können Blattschneiderameisen und Pilze ohne einander nicht leben.

Der Ameisenstaat – das milliardenstarke Vorzeige-Unternehmen

Wie funktioniert eine erfolgreiche Firma? Jeder macht seinen Job, ist dafür bestens ausgerüstet, und alle arbeiten zusammen. Alle: Das sind zwei bis drei Millionen Arbeiterinnen, die perfekt aufeinander abgestimmt sind, auch körperlich: die kleinsten sind nur 1,5 Millimeter lang, die größten 14 Millimeter. Die männlichen Ameisen dienen nur der Fortpflanzung und haben sonst keine weiteren Aufgaben.

Nur die Gruppe zählt – und so sieht das Erfolgs-Team aus:

  • Der Bautrupp erledigt mit seinem kräftigen Mundwerkzeug die Erdarbeiten.
  • Die Kundschafterinnen suchen die Umgebung nach geeigneten Sträuchern und Bäumen ab und legen eine Duftspur zum Fundort. Der Duft besteht aus verschiedenen Noten, die zur Übermittlung von Nachrichten wie Wörter gebraucht werden. Die Ameisen beherrschen mindestens 20 davon...
  • Dieser Spur folgen die starken Blattschneiderinnen und Transporteurinnen. Mit ihren messerscharfen Zangen zerlegen sie die Blätter minutenschnell in Stücke, die sie mit dem vorderen Beinpaar hoch über dem Kopf in die Kolonie tragen. Diese kleinen Insekten können Lasten tragen, die zehnmal schwerer sind als sie selbst. Das ist Rekord im ganzen Tierreich.
  • Am Tage herrscht auf den handbreiten Ameisenstraßen Hochbetrieb in beide Richtungen, denn ihr Hunger ist riesengroß: In manchen Wäldern ernten die Insekten ein Fünftel der gesamten Laubschicht ab.
  • Bei diesen Transporten sind die Trägerinnen einem Feind aus der Luft hilflos ausgeliefert: Eine Buckelfliege schwirrt über die Ameisenstraße und will ihre Eier in den wehrlosen Ameisen ablegen. Wenn die Fliegen-Larven geschlüpft sind, fressen sie die Ameise von innen auf. Deshalb reiten Leibwächterinnen auf dem Blatt mit, um die Trägerinnen zu verteidigen.
  • Am Nesteingang nehmen die kleineren Gärtnerinnen die Blattstücke in Empfang, zerkauen sie zu Brei und füttern damit die Pilze. Die kleinsten Ameisen arbeiten als Babysitter: Sie pflegen den Nachwuchs in den Larven und ernten das zubereitete Futter auf den Pilzen.
    Die sind etwa so groß wie eine Grapefruit und sehen aus wie löchrige Badeschwämme.

Feinde in Wald und Haus

Ameisenbären, Gürteltiere, Eidechsen und Vögel fressen gern Ameisen, und auch bei anderen Insekten stehen sie auf dem Speiseplan. Kommen die Blattschneiderameisen den Menschen zu nah, werden sie oft mit Vernichtungsmitteln bekämpft.

Datum: 07.07.2015

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Steckbrief

Lebensraum
Tropische und subtropische Wälder, Steppen und Wiesen in Mittel- und Südamerika
Größe
Arbeiterinnen 1,5–14 mm lang; Königin bis zu 25 mm; männliche Tiere bis 19 mm.
Lebenserwartung
Königinnen bis zu 15 Jahre
Fortpflanzung
Königinnen bringen in ihrem Leben 50-150 Mio. Nachkommen hervor.
Nahrung
selbst gezüchtete Pilze, Außenarbeiterinnen trinken hauptsächlich Pflanzensäfte

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