Pflanzen im tropischen Regenwald

Würgefeige von innen Pflanzen im Regenwald. Foto: pali_nalu (CC BY-NC 2.0)

Im Regenwald wachsen die unglaublichsten Pflanzen. Einige von Ihnen kennst du vielleicht schon, weil sie bei dir zu Hause im Wohnzimmer auf der Fensterbank stehen, wo es gleichbleibend warm ist – zum Beispiel Bromelien, Nestfarn, Orchideen und Philodendron. Von schillernden Blumen über verrückt aussehende Pilze bis hin zu stacheligen Bäumen: Seine beispiellose Vielfalt macht den Regenwald so einzigartig. Obwohl unzählige Pflanzen unentdeckt sind, haben Forscher Hunderttausende schon ausgemacht:

riesige Regenwald-Baumwurzeln Mächtige Brettwurzeln stützen einen Baum in Indonesien.
Foto: flickr/Julien Nakos (CC BY-NC-ND 2.0)

Geheimnisvolle Bäume

Auf den ersten Blick erscheint es so, dass der tropische Regenwald hauptsächlich aus Bäumen besteht. Die Vielfalt ist dabei atemberaubend, dort wachsen bis zu 250 verschiedene Baumarten auf 1000m2. Doch die Bäume bilden auch die Lebensgrundlage für viele andere Pflanzen und Tiere, die in den verschiedenen Stockwerken des Waldes auf und/oder mit den Bäumen leben.

Die größten Bäume können bis zu 70 Meter hoch werden und werden Baumriesen genannt. Sie überragen das Blätterdach der anderen Bäume. So genannte Brettwurzeln verleihen ihnen in dem humusarmen Boden des Regenwaldes die nötige Standfestigkeit. Die Brettwurzeln sind rippenartige, bis zu 10 Meter hohe Wurzeln.

Üppiger Wald auf fast unfruchtbarem Boden

Obwohl der tropische Regenwald zu den artenreichsten Lebensräumen der Erde gehört, ist der Boden, auf dem er wächst, ziemlich unfruchtbar. Der Hauptgrund: Der ständige Regen spült die Nährstoffe weg. Um zu überleben, mussten sich die Pflanzen also einen perfekten Kreislauf erschaffen, damit nichts an wertvoller Nahrung verloren geht. Fast der gesamte Vorrat an Nährstoffen, den sie zum Wachsen brauchen, steckt oberhalb des Bodens in den lebenden und abgestorbenen Pflanzen.

Illustration des Nährstoffkreislaufs im Regenwald Nährstoffkreislauf: Im Regenwald
zersetzen Pilze die herabfallenden Blätter

Doch wie kann dann hier Regenwald wachsen? ? In jedem Wald funktioniert der Kreislauf in etwa so: Das Millionenheer von Insekten, Würmern und Bakterien sowie Pilzen zersetzt die abgestorbenen Pflanzenteile in kurzer Zeit zu Humus. Dabei werden die Nährstoffe frei, die sie gespeichert haben. Die Wurzeln der Pflanzen nehmen die Nährstoffe wieder auf, der Kreislauf beginnt von neuem. Auch Pilze zersetzen die herabfallenden Blätter und sonstiges Pflanzenmaterial, sogar die mächtigen Holzstämme, und lösen die Nährstoffe heraus. Manche Pilze vernetzen sich im Boden mit den Wurzeln der Bäume. Die Pilze liefern den Pflanzen die Nährstoffe und Wasser aus dem Boden, die Pflanzen den Pilzen den in den Blättern gebildeten Zucker. Das nennt man Mykorrhyza. Beide leben also in einer „Symbiose” – das ist ein Zusammenleben zweier oder mehrerer Arten, das für beide vorteilhaft ist.

Da die Mikroorganismen in dem ständig warmen und feuchten Klima des Äquators besonders effektiv arbeiten können, gelangen die gelösten Nährstoffe fast vollständig durch das Wurzelwerk zurück in die Pflanzen, man nennt das einen kurzgeschlossenen Nährstoffkreislauf (siehe dazu die Abbildung links). So bildet sich zwar nach und nach aus dem abgestorbenen Pflanzenmaterial eine kleine Humusschicht, diese enthält aber kaum noch Nährstoffe und ist meistens nicht dicker als 50 Zentimeter. Darunter liegen die sehr unfruchtbaren, tiefgründig verwitterten und durch Metalloxide oft rot gefärbten Tropenböden.

Überlebenskünstler Pflanzen

Zu den großen Überlebenskünstlern im Regenwald gehören zum Beispiel Orchideen. Man nennt sie „Aufsitzerpflanzen“ (Epiphyten), weil sie auf den Ästen und Zweigen von Bäumen wachsen. Sie fügen ihren „Wirten“ aber keinen Schaden zu oder saugen die Nährstoffe ab. Orchideen oder auch Ananasgewächse (Bromelien) benutzen die Bäume im Kronendach nur, um der Sonne näher zu sein. Die zum Wachstum zusätzlich benötigten Nährstoffe und Wasser nehmen sie selbst auf. Auf ganz unterschiedliche Weise: Die einen bilden Luftwurzeln, die das Wasser und damit die Nährstoffe aufsaugen, die anderen bilden aus ihren steifen Blättern kleine trichterförmige Becken, in denen sich das Regenwasser sammelt. Viele Tiere, die in den Baumkronen leben, trinken aus diesen Pools und brauchen so nie am Boden nach Wasser zu suchen. Viele Regenwald-Frösche leben in den winzigen Tümpeln in luftiger Höhe und ziehen dort ihre Kaulquappen auf.

Auch Lianen leben von anderen Pflanzen. Sie benutzen die Bäume als Klettergerüst und bilden keinen eigenen stützenden Stamm, sondern ranken an Bäumen hoch, um ans Licht zu kommen. Lianen bedecken die Bäume oft so vollständig, dass seine Rinde kaum noch zu sehen ist.

Medizin aus Pflanzen – der Regenwald als Apotheke

Schon seit Jahrhunderten nutzen Indianer den Regenwald als ihre Apotheke, sie haben wesentlich mehr Heilmittel als wir zur Verfügung. Ob sie nun 'nur' unter Kopfschmerzen, Fieber und Magenverstimmungen leiden oder ernsten Krankheiten wie Asthma, Diabetes, Rheuma, Leukämie, Krebs, der Regenwald hat die richtige Medizin dafür. Zerquetschte Blätter, ein paar Stückchen Rinde, das Holz oder auch kleinere Insekten – überall wächst, lebt die grüne Apotheke.

Auch bei uns enthält bereits jedes vierte Medikament eine "Regenwald-Zutat" – was würde aus diesen Medikamenten werden, wenn der Regenwald nicht mehr existieren würde? Und wie viele Medikamente blieben unentdeckt? Wie viel Leid könnte erspart werden, wenn wir die Regenwälder nicht roden würden? Und, andersrum, wie viel Leid tun wir uns selber mit der Rodung an?

Selbst mit unserem aktuellen, noch sehr begrenzten Wissen – immerhin haben wir medizinisch gesehen erst 1% der Pflanzen genauer untersucht –, wird schnell klar, dass uns der Regenwald noch enorm helfen kann, bzw. helfen könnte. Wir müssen ihm nur die Möglichkeit dazu lassen.

"Medizin aus Pflanzen": Datum: 22.2.2014, Autorin: Isabel Glassner