20. August 2018

Was Nashörner reden – endlich verständlich

Sie keuchen, schnauben, jammern und fauchen – was wollen Nashornkälber damit sagen? Sabrina Linn hat es herausgefunden: Mit Kamera und Mikrofon hörte sich die Biologin monatelang bei den kleinen Dickhäutern um – lasst euch überraschen.

Sabrina Linns erste Begegnungen mit Nashorn-Baby Keeva verliefen nicht gerade harmonisch. „Immer, wenn ich mit dem Mikrofon in ihre Nähe kam, fauchte sie mich durch den Zaun ihres Geheges an“, erzählt die junge Biologin. Keeva war einen Monat zuvor im Augsburger Zoo zur Welt gekommen. Und Sabrina Linn hat sie besucht, um herauszufinden, wie junge Nashörner ihre Wünsche und Gefühle ausdrücken.
Und fauchen heißt eindeutig: Bleib mir vom Leib!

„Wir kennen diesen Warnlaut schon von erwachsenen Breitmaulsnashörnern“, sagt die Forscherin, die im Serengeti-Park im niedersächsischen Hodenhagen arbeitet. „Dort teilen sich die Nashörner ein Gehege mit Zebras, Dromedaren, Straußen und Antilopen. Wenn eins dieser Tiere dem Nashorn zu nahe kommt, faucht es – als erste Warnung sozusagen.“
Auch Weibchen reagieren so, wenn sich ein interessierter Bulle nähert, sie sich aber nicht paaren will. Und das läuft ungefähr so ab: Er trabt herbei und begrüßt sie keuchend (das ist der Begrüßungslaut!), sie faucht, damit er abhaut, er zögert und versucht es erneut, kommt näher.... Das hätte er nicht tun sollen, denn nun brüllt sie ihn an. Und wenn er das immer noch nicht versteht, rennt sie mit gesenkten Hörnern auf ihn zu.
„Das Fauchen kann sich also noch steigern von: Ich bin ein bisschen sauer bis: Jetzt reichts mir wirklich!“

 

Sabrina Linn mit Nashornbaby Kibo im Augsburger Zoo, er wurde mit der Flasche aufgezogen, weil seine Mutter ihn ablehnte Sabrina Linn „interviewt“ Kibo im Augsburger Zoo (Bild: Sabrina Linn)

Wie bekomme ich Mamas Aufmerksamkeit?

Über die Verständigung zwischen erwachsenen Breitmaulnashörnern ist bisher wenig bekannt. Aus früheren Studien kennt man etwa zehn bis elf verschiedene Laute. Aber wie sich junge Nashörner ausdrücken, hatte zuvor noch niemand erforscht. Für Sabrina Linn ein guter Grund, dieser Frage für ihre Doktorarbeit nachzugehen. „Zu verstehen, wie sich Tiere miteinander „unterhalten“, finde ich total faszinierend.“
Und so machte sie sich auf den Weg zu acht jungen Nashörnern in drei deutschen Zoos. Im Gepäck: Mikrofon, Kamera und Recorder. Die Ausbeute: 164 Stunden Nashorntöne und Bilder. Oft musste sie stundenlang vor den Gehegen ausharren, denn nichts geschah – außer, dass sich die Nashörner im Schlamm suhlten.
Doch schließlich wurde die Geduld der Biologin belohnt: Sie konnte vier verschiedene Laute aufnehmen und deuten.
„Drei der Laute, die immer wiederkehrten, kennen wir auch von den erwachsenen Tieren: Sie keuchen, wenn sie sich begrüßen. Sie fauchen um zu warnen. Und dann hört man sie oft schnaufen.“ Es klingt wie Geschnatter – und das hat Sabrina Linn bei verschiedenen Gelegenheiten gehört. „Die Nashörner schnaufen, wenn sie fressen, ruhen, sich suhlen oder laufen. Wahrscheinlich hat es keinen besonderen Sinn, sondern es ist einfach nur ein Schnaufen.“
Aber einen Laut kannte Sabrina Linn von erwachsenen Nashörnern nicht - und es hört sich an wie weinen oder jaulen. „Das habe ich immer dann gehört, wenn die Kälber Hunger oder Durst hatten oder die Mutter aus den Augen verloren haben. Dann wimmerten sie so lange, bis die Mutter sie beachtete. Wenn die Kleinen älter wurden, haben sie immer seltener nach der Mutter geweint.“

Flaschenkind Kibo war ein echter Glücksfall

Die verschiedenen Rufe der kleinen Nashörner sind offensichtlich angeboren und nicht erlernt. Das erkannte Sabrina Linn, als sie im Augsburger Zoo dem jungen Kibo begegnete. Er war ein Flaschenkind, weil seine Mutter ihn verstoßen hatte. Kibo verbrachte deshalb seine ersten Monate nicht zusammen mit den anderen Nashörnern. Er konnte sie zwar sehen und hören, aber sich nicht mit ihnen „unterhalten“. Sabrina Linn beobachtete, dass Kibo trotzdem alle vier Laute von sich gab – er muss mit diesem Wissen also schon auf die Welt gekommen sein.

Sabrina Linn glaubt, dass ihre Studie helfen kann, mehr über die Breitmaulnashörner in Afrikas Wildnis zu erfahren und sie besser zu schützen.  Denn die Tiere sind akut vom Aussterben bedroht (auf dieser Nashorn- Seite könnte ihr auch noch einmal Denn Wimmerton hören). So können Forscher zum Beispiel die Größe einer Nashorngruppe ermitteln, indem sie den „Stimmenwirrwar“ untersuchen. Dann wissen sie auch, wie viele Jungtiere dabei sind.
„Nashörner sind so bedroht, dass sie jede Art von Aufmerksamkeit gebrauchen können“, sagt Sabrina Linn zu ihrer Arbeit. „Hinzu kommt, dass jedes Kind weiß, was für Laute ein Hund, eine Kuh oder auch ein Elefant macht. Aber dass sich auch Nashörner „unterhalten“, das erwarten die meisten Leute nicht.“

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